Einfache Dinge des Lebens

lemniskate & arabesken

Ernst Hesse ist Bildhauer, Objektkünstler, Zeichner, er arbeitet mit dem Medium Fotografie, und er setzt die Werke der verschiedenen Gattungen in Bezug zueinander, ohne daß damit die Autonomie des einzelnen Kunstwerks aufgehoben wäre. Der Begriff des "Dialogischen", den Hesse selbst aufgreift und der im übrigen auch sein kommunikatives gesell-
schaftliches Engagement betrifft, berührt diese Gleichzeitigkeit sehr genau.

Ausgebildet bei Klaus Rinke und Erich Reusch an der Düsseldorfer Akademie, erstellt Hesse plastische Arbeiten mit einer Technik, die sich an elementaren Formen orientiert, primär in Eisen und Bronze; seltener wird die Gipsform, mit der Haptik und dem Ton dieser Materialität, ausgestellt. Manchmal stehen einzelne Partien auf einer Ebene einander gegenüber, oder unterschiedliche stereometrische Körper folgen additiv aufeinander. Sie durchdringen sich, sind gegenläufig zueinander gesetzt; in latenter Bewegtheit scheinen die Achsen verschoben, jede Ruhe ist relativ, die Dramatik allerdings ist zurückgenommen. Sie halten sich in der Balance und lassen manchmal an Stilleben denken: "die Umsetzung archimboldscher Erfindungen", Ingrid Severin geschrieben
(Kat. Düsseldorf 1990). Meist behaupten die Plastiken Volumen, die Formfindungen wirken massiv, auch wenn sie sich dem Betrachter öffnen. Die Schwerkraft hält sie auf der Erde, dieser sind sie näher als dem Himmel; und etliche von ihnen sind als Bodenplastiken konzipiert.

In den Texten zu Ernst Hesse wird sein Interesse an den Erscheinungen der Natur, an den Formen von Pflanzen und Früchten hervorgehoben, etwa an Bienenwaben und Kokons. Hesse hat eine Werkgruppe seiner plastischen Arbeiten als "Vegetaciones" bezeichnet. Tatsächlich faßt dieses Forminteresse die verschiedenen Werkkomplexe weiter zur Einheit zusammen.

Seit Ende der 80er Jahre entstehen, gleichgewichtig daneben, die Fotoarbeiten, zunächst auf Aufenthalten im Ausland, mittlerweile ebenso im Atelier, vor einem neutralen Hintergrund. Die Schilderung von Landschaften, von Steinen in einem Bach oder von Ästen, die sich vor einem Waldweg auftürmen, findet sich neben der ausschließlichen Beobachtung einzelner Motive, von Artischocken, einem Granatapfel, einer aufgeschnittenenen Muschel oder einem Laib Brot, stets in sw und oft in einem Format, welches den Gegenstand überdimensioniert wiedergibt, dadurch in eine ferne Welt entrückt (zumal Hesse beim Entwicklungsprozeß eingreift Verwischungen vornimmt, mit Unschärfen und in das Dunkel hinein arbeitet) - als würde es sie zum ersten Mal geben. Die reale Dingwelt, wie sie sich in den Plastiken über die Materialität äußert, tritt in den Fotoarbeiten fast körperlich, aber meist auch malerisch auf.

Zeichnungen begleiten seit jeher Hesses Werk, auch dies ein eigenständiger Arbeitsbereich, der für das Experiment offen ist. Und so wie Hesse einzelne Fotoarbeiten auf Leinwand projiziert hat, wechseln der Bildträger und der Stil dieser Zeichnungen. Mitunter entstehen sie am Computer. Ellipsen überschneiden sich und lassen an Planetenbahnen denken, Rechtecke sind ihnen aufgesetzt, oder Hesse läßt aus der Handbewegung gestische Liniengespinste erwachsen, insgesamt Zeichnungen, "in denen rational Konstruiertes Fließendem, Organischem gegenübergestellt wird" (G. de Werd, Kat. Benrath 1995).

Bedingt trifft dies auch auf die Blätter zu, bei denen sich dichte Pigmentflächen in dunklen Tönen geradezu haptisch über dem weißen Papier erheben. Sie scheinen den vegetativen Kanon in erdiger Schwere aufzurufen. Manchmal weisen sie gelängte, schlanke Partien auf und erinnern dadurch wieder an Schattenspiele. Und sie greifen fernöstliche Formen und Symbole auf - in der spannungsvollen Gleichzeitigkeit der schablonenhaften Ansicht von Gegenständlichem und der akkuraten Nachzeichnung erfundener Motive, "als piktogrammartige Figurationen" (R. Lange, Kat. Kiel 1993).

In diesem Radius von plastischem Denken, Klarheit und Konzentrierung der Form, Rückbezüglichkeit auf visuelle, auch emotionale Erfahrungen, gehen die Regale (wie ich diese nach allen Seiten offenen Gerüste mit vier bis sechs Böden beschreiben möchte) einen Schritt weiter. Sie fügen dem Begriff des Plastischen einen objekthafte Komponente hinzu und sie setzen das Verfahren des Interagierens in neuer Vielschichtigkeit um - ebenso wie die "Depots" (die, als offene Wandschränke, unterschiedliche Plastiken wie in einem Lager vereinen) und die "Vitrinen" (womit zusätzlich die Präsentation als solche, das museale Zur-Schau-Stellen und das Herausgreifen von Einzigartigem, das hier vervielfältigt ist, thematisiert wird). Jedes der Regalsysteme, in einem akkumulativen Neben- und Übereinander, ausschließlich ein Sujet: (Leere) Papiertüten, vermittels der kantigen Falzung ausgerichtet; in einem anderen Regalschrank weiße Fähnchen an einem Stab, wie für das Protokoll einer diplomatischen Tischgesellschaft oder ein Schlachtendiagramm geschaffen; oder aber Basaltsteine.

Ernst Hesse hat die Sujets (und damit die Regalsysteme insgesamt) mit "Easy Pieces" betitelt; diese stellen ein jeweils autonomes plastisches System dar. Andererseits bezeichnet das Zueinander der Regalsysteme wieder eine installationsartige, in sich geschlossene Einheit (Hesse hat dieser den Titel "Furcht, Hoffnung und Verantwortung", 1994, gegeben). Der umgebende Raum wird in die Konzeption der Arbeit einbezogen; wichtig, und von von Mal zu Mal neu zu entscheiden, ist, wie die Regale zueinander stehen. - Ähnlich ist im Prinzip eine Arbeit angelegt, bei der mehrere Ventilatoren auf einen Tisch (oder auf dem Erdboden) in Betrieb sind, unmerklich Luftströme erzeugen, dabei sich bewegen, vielleicht um die eigene Achse drehen und sanft brummen: Dynamik und Monotonie, Störung und Meditation werden zueinander in Beziehung gesetzt ohne sich zu widersprechen, eine offene kompositorische Ordnung, trotzdem durch die Tischplatte (die mich an einen Billardtisch erinnert) oder den Abstand der Ventilatoren zueinander in eine übergeordnete Form gebracht. Hesse hält die Anzahl der Exponate begrenzt: Das Dialogische ist keine Angelegenheit des Unüberschaubaren; es dient der weiteren (formalen, gehaltlichen) Klärung der die Fokussierung einzelner Momente. Fülle ist hier nicht denkbar ohne Leere - wie etwa bei zwei großformatigen Pigmentzeichnungen, zwischen denen ein jungfräuliche weißer Papierbogen hängt. In einer neueren Überlegung wird der Raum als Aspekt, der von Mal zu Mal unterschiedlich ausfällt, in die Konzeption einbezogen.

Ernst Hesse hat die Arbeiten festgelegt, die jeweils in einem Raum gezeigt werden; offen - und von der jeweiligen Situation abhängig (Wandfläche, Lichteinfall, Dimensionen) - ist hingegen die Art der Präsentation; offen ist außerdem die Abfolge der Räume, schon die Auswahl der Konzepte. Einige beschränken sich auf jeweils eine Gattung, auf die Plastiken, die Fotoarbeiten oder die Installationen. Die anderen Konstell-ationen führen unterschiedliche Medien zusammen. Die Korrespondenzen, welche den Dialog initiieren, können von evidenten Sachverhalten ausgehen (Themen Wasser); sie können auf motivische Identität pochen (Gestaltfindung des Ventilators) und sie können weitergehende Bezüge und Verfahren betonen (Forminventar der Plastiken).

Es scheint, daß Hesse dabei verschiedene Atmosphären und Gestimmtheiten erzeugt, daß die Temperierung sich von Raum zu Raum ändert. Gleichwohl handelt es sich um verschiedene Kapitel ein und desselben künstlerischen Ansatzes; Hesse liefert mit seinen Raumkonzeptionen einen Überblick über die verschiedenen Medien und Intentionen, wie er sich seit Ende der 80er Jahre erarbeitet hat. Die Rhythmisierung des Geschehens in und zwischen den Arbeiten und das Serielle, das die Ruhe nicht unterläuft, vielmehr stützt, erweisen sich als wesentliche Verfahren, die sich bereits in den Einzelsarbeiten finden. Evident ist bei diesen das Zueinander von Positiv- und Negativform, die Bevorzugung von Schwarz, jedenfalls von Einfarbigkeit.

Ernst Hesse bleibt der primären Formulierung verpflichtet, den "einfachen Formen, die dem Bildhauer endlosen Stoff liefern"
(M. Kruse, Kieler Nachrichten, 3. 9. 1993). "Es sind die Bauprinzipien der Natur, ihre Perfektion und Sinnfälligkeit und - natürlich - ihre Schönheit. Er ahmt sie nicht nach, sondern überträgt sie"
(A. Klose, Rheinische Post, 21. 3. 1997).

Er entdeckt im Einfachen das Komplexe und Sprechende, das wieder zu Grundsätzlichem kommt, dabei stets in Werkgruppen über Jahren hinweg erforscht wird. Er bedient sich, ohne eine Spur von Beliebigkeit, der verschiedenen Medien - wenn er auch ein genuiner Bildhauer ist und seine Zeichnungen das Wesen des Dreidimensionalen in sich tragen.

Es ist die Gewißheit der eigenen Anliegen und der erarbeiteten, beherrschten Formsprache, die ihn über diesen verfügen läßt und eine Erweiterung nie ausschließt.

 

Thomas Hirsch, 1999