Brote - Fragments of Identity

- brotobjekte 2004
Formen des Tagtäglichen
von Thomas Hirsch
Ernst Hesse, der bereits etliche Jahren in verschiedenen künstlerischen Medien arbeitet, erstellt seit der zweiten Hälfte der neunziger Jahre Fotoarbeiten mit Brotlaibern. Sie sind s/w, aber zumeist als Silbergelatineabzug solarisiert und im Entwicklungsvorgang überarbeitet, es entstehen Schlieren und überstrahlte helle Partien, wobei die Darstellungen in ihren tonalen Abstufungen verhalten farbig und geradezu plastisch wirken. Das bevorzugte Format von 30 x 40 cm stellt eine Beziehung zur tatsächlichen Größe der Brote her. Aber bei einzelnen Motiven wären für Hesse auch größere Abzüge denkbar.
Ernst Hesse hat die Brote von seinen Reisen überall auf der Welt in das Düsseldorfer Atelier mitgebracht; sie stammen vom Markt oder vom (eingesessenen) Bäcker, und so außergewöhnlich diese Brote manchmal aussehen mögen, es handelt sich doch für die ansässige Bevölkerung um alltägliche Produkte. Freilich um Grundnahrungsmittel, für den Verzehr gemacht und über Generationen hinweg immer gleich hergestellt, mit dem gleichen Geschmack und in Form gesetzt und mithin einer Kultur, einem Kulturkreis zuzuordnen.
Im Titel der Fotoarbeiten werden der (gebräuchliche) Name des Brotes, seine Herkunft mitgeteilt, in einer dokumentarischen Sachlichkeit also, die mit der bildnerischen Ausschließlichkeit des Motivs einhergeht. Andererseits handeln diese Aufnahmen von Spezifikation, und Ernst Hesse greift geradezu expressiv in den fotochemischen Prozess ein: Die Darstellungen sind weiter entrückt. Eine Künstlichkeit, ja Aura ist ihnen eigen, die durch den plastischen Eindruck eher noch verstärkt wird. Ernst Hesse arbeitet mit Licht und Schatten, die Flächen und Kanten des Brotes wirken meistens fest, hart. Unregelmäßigkeiten sind herausgearbeitet, Einbuchtungen sind tiefschwarz verschattet ... und manchmal lassen die Motive an erkaltete Lava oder Gestein von der Mondoberfläche denken, überliefert vielleicht vermittels Satellitenfotos und - in der Fremd- und Einzigartigkeit des Gesehenen - wie Zeugen von einem unerforschten Planeten. Eine Rolle spielt dabei, wie diese Dinge als amorphe oder biomorphe Einheiten im Bild platziert sind, wie sie sich auf einer Fläche ohne Horizont verhalten, wie hier mit Nähe und Ferne, summarischem Schweifen und Detailschilderung umgegangen wird. Ernst Hesses Darstellungen von Brot sind Stilleben fernab jeder konventionellen Ikonographie. Die Frage, inwieweit die Form mit dem Verzehr zu tun haben könnte, stellt sich zunächst gar nicht. Einige Brote nehmen, zentriert und aus einer gewissen Untersicht aufgenommen, die ganze Bildhöhe ein. Wieder andere sind von oben gesehen, so dass der Schatten um das Brot herum fließt und dessen Form wie eine Korona wiederholt. In den Fotoarbeiten, die 2001 entstanden sind, verlieren die Laiber an Dominanz, sie fügen sich in die Umgebung, in deren Tiefe sie sich teils erstrecken. Der Bildgrund ist nun oft weich und geradezu unklar, ein Dripping liegt über dem Geschehen und vermittelt die Idee abstrakter Malerei - wohingegen das Brot vom Markt in Aix-en-Provence auf der gleichen Fotoarbeit wie gemeißelt wirkt: eine Skulptur für sich mit einem gegenläufigen Zueinander der Segmente, die Auflageflächen begrenzt, indem sich einzelne Partien sacht erheben, so wie Ernst Hesse diese fotografiert hat.
Das “Rustica” aus Zürich hingegen ist ein geschlossener massiver Korpus, der sich zum Betrachter hin neigt und seine Strukturierung offen legt. An eine Frucht, einen Kürbis wäre im Regelmäßigen, fast Geometrischen der Einkerbungen zu denken. Dieser Organisation aber steht das Schründige der Oberfläche entgegen, welches zumal im Kontrast zum Hintergrund minutiös notiert ist. Hier handelt es sich um eine frühe Arbeit innerhalb der fotografischen Werkgruppe, als Ernst Hesse noch eher verhalten in die Darstellung eingriff: wie um sich über den Gegenstand Klarheit zu verschaffen, diesen immer wieder staunend und überrascht - wie zum ersten Mal - wahrzunehmen.
Zu diesem Prozess der Annäherung und des Abtastens der Form, wie auch zu deren körperhafter Präsenz gehört, dass Hesse einzelne Motive positiv und negativ abgezogen und dabei unterschiedlich behandelt hat. Das Interesse an der Gestalt, welche hier herausgegriffen und noch betont ist, initiiert ein Assoziieren und stiftet weitere (kulturelle, gesellschaftliche) Zusammenhänge. Die Momente der Kultur, aber auch des Kultischen werden über die dezidierte Künstlichkeit im Vortrag zurückgeholt. Deutlich wird dies zumal, wenn man mehrere Arbeiten nebeneinander - wie hier im Katalog oder in der Ausstellung - sieht.
Die Fotoarbeiten mit Broten gehören zum Werkkomplex mit dem Titel “Identität”. Ernst Hesse arbeitet an diesem in der Fotografie, Skulptur und der Malerei, auch, neuerdings, im Bereich von Video - und er umkreist mit ihm Begriffe wie Individualität, Grundbedürfnisse des Lebens, Pluralismus der Formen und Erscheinungen, das Aufgehen alltäglicher Dinge in der kulturellen Identität ... Wichtig ist der Hinweis, dass Hesse seit Ende der achtziger Jahre oft auf Einladung des Goethe-Instituts in ganz verschiedenen Ländern, in den USA, Türkei, Südostasien und Ghana Ausstellungen und Workshops mit ansässigen Künstlern durchgeführt hat. Es geht gerade nicht darum, die dortige Kultur zu assimilieren, sondern ein sensibles Verständnis für Formen und Traditionen in ihrer Bedeutung und ihrem Eigenen zu entwickeln, zu verdeutlichen. Etliche der Brote hat Hesse auf solchen Aufenthalten entdeckt; vielleicht sind sie auch eine Art Dokumentation seiner Reisen und vielleicht entsteht daraus so etwas wie ein Archiv ohne Anspruch und Interesse auf Vollständigkeit. Gewiss ist diesem Motiv - dem Brot - eine Beiläufigkeit eigen, welche bemerkenswert konträr zur tatsächlichen Relevanz ist, entsprechend dem Wasser, das dann in anderen Fotoarbeiten von Ernst Hesse auftaucht. Die Bedeutung von Wasser und Brot wird uns, innerhalb unserer westeuropäischen Kultur, aus der biblischen Überlieferung weiter vor Augen gestellt, beides ist ebenso in anderen Religionen und Kulturkreisen präsent und findet sich in seiner Metaphorik in allen Ländern und Jahrhunderten: Sie sind Ausdruck für Leben und Überleben. Bei Hesse stehen die Brote zudem für Individualität im Globalisierungsprozess. Die Brote widersetzen sich einer Uniformierung und einem Aufsaugen der Identität; auf teils direkte, teils eher vermittelte Weise bleiben eigene Traditionen sichtbar.
Dies ist generell ein Anliegen von Ernst Hesse. Er interessiert sich für das jeweils Eigene, wie er diese auf seinen Reisen vorfindet und im vergangenen Jahr in einem Buch inmitten der Werkabbildungen dokumentiert hat. Er ist den subtilen Zeichen auf der Spur, das sind die Kolam (Zeichen aus Reismehl vor der Hausschwelle) oder die Mudra in Indien (die Handhaltungen im traditionellen indischen rituellen Tanz) ...
Im Werk von Ernst Hesse geht es um gesellschaftliche Fragen, um den verantwortungsvollen Umgang in und mit der Welt. Das künstlerische Medium aber, mit dem er das von Anfang an behandelt hat, ist die Bildhauerei. Hesse, der an der Düsseldorfer Akademie bei Klaus Rinke studiert und schon da ein Gespür für Prozesse in der Natur und mit der Kultur und für plastische Form entwickelt hat, arbeitet bevorzugt in Gußeisen und Bronze, auch die Gipsformen selbst haben als skulpturale Arbeiten Bestand, werden zum Teil in objekthaften Gestellen zueinander angeordnet. Ernst Hesses plastische Werke kennzeichnet bis heute eine elementare Formensprache, welche Stereometrien subtil versetzt. Evident ist das Interesse an Oberflächen, und beispielsweise verwendet Hesse CorTen-Stahl, der sich in der Natur weiter verändert. Hesse fordert mit seinen plastischen Arbeiten zur Umgehung auf, setzt diese präzise zu Architektur und formuliert, definiert dabei Räume. In den Fotoarbeiten mit Broten hat Ernst Hesse derartige Aspekte auf der Fläche weiter verfolgt, aber er hat auch, einige Zeit nach Einsetzen der Fotoserie, die Brote selbst in Bronze abgegossen. Er hat sie damit realiter der Vergänglichkeit und jeder Zeit, aber auch ihres eigentlichen Zweckes enthoben. Er steigert das Besondere, indem er sie zum Artefakt erhebt. Und er verleiht ihnen Einzigartigkeit und läßt jede Form als Ausdruck bewußter Entscheidungs-, auch Erkenntnisprozesse empfinden. Er weist auf die Fertigung selbst, einerseits die Abformung und den Bronzeguß, andererseits aber auch den anonymen Bäcker in seiner Kultur. Diese Arbeiten, ob als Bronzen oder Fotoarbeiten, fordern ungeteilte Aufmerksamkeit, sind ebenso lapidar, wie sie größte Konzentration und Inhaltlichkeit in sich vereinen. Als Stilleben handeln die Fotoarbeiten gerade nicht von Vanitas, sondern vom Überleben und dessen stolzer Behauptung. Bei Ernst Hesse stehen sie für den Versuch, immer und immer wieder dem Geheimnis und der Schönheit des Lebens näher zu kommen, formuliert zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Einsamkeit und (Welt-) Gemeinschaft - und aus dem Wissen, wie grandios einfache Dinge sein können, sind.
II
Zu diesem Prozess der Annäherung und des Abtastens der Form, wie auch zu deren körperhafter Präsenz gehört, dass Hesse einzelne Motive positiv und negativ abgezogen und dabei unterschiedlich behandelt hat. Das Interesse an der Gestalt, welche hier herausgegriffen und noch betont ist, initiiert ein Assoziieren und stiftet weitere (kulturelle, gesellschaftliche) Zusammenhänge. Die Momente der Kultur, aber auch des Kultischen werden über die dezidierte Künstlichkeit im Vortrag zurückgeholt. Deutlich wird dies zumal, wenn man mehrere Arbeiten nebeneinander - wie hier im Katalog oder in der Ausstellung - sieht.
Die Fotoarbeiten mit Broten gehören zum Werkkomplex mit dem Titel “Identität”. Ernst Hesse arbeitet an diesem in der Fotografie, Skulptur und der Malerei, auch, neuerdings, im Bereich von Video - und er umkreist mit ihm Begriffe wie Individualität, Grundbedürfnisse des Lebens, Pluralismus der Formen und Erscheinungen, das Aufgehen alltäglicher Dinge in der kulturellen Identität ... Wichtig ist der Hinweis, dass Hesse seit Ende der achtziger Jahre oft auf Einladung des Goethe-Instituts in ganz verschiedenen Ländern, in den USA, Türkei, Südostasien und Ghana Ausstellungen und Workshops mit ansässigen Künstlern durchgeführt hat. Es geht gerade nicht darum, die dortige Kultur zu assimilieren, sondern ein sensibles Verständnis für Formen und Traditionen in ihrer Bedeutung und ihrem Eigenen zu entwickeln, zu verdeutlichen. Etliche der Brote hat Hesse auf solchen Aufenthalten entdeckt; vielleicht sind sie auch eine Art Dokumentation seiner Reisen und vielleicht entsteht daraus so etwas wie ein Archiv ohne Anspruch und Interesse auf Vollständigkeit. Gewiss ist diesem Motiv - dem Brot - eine Beiläufigkeit eigen, welche bemerkenswert konträr zur tatsächlichen Relevanz ist, entsprechend dem Wasser, das dann in anderen Fotoarbeiten von Ernst Hesse auftaucht. Die Bedeutung von Wasser und Brot wird uns, innerhalb unserer westeuropäischen Kultur, aus der biblischen Überlieferung weiter vor Augen gestellt, beides ist ebenso in anderen Religionen und Kulturkreisen präsent und findet sich in seiner Metaphorik in allen Ländern und Jahrhunderten: Sie sind Ausdruck für Leben und Überleben. Bei Hesse stehen die Brote zudem für Individualität im Globalisierungsprozess. Die Brote widersetzen sich einer Uniformierung und einem Aufsaugen der Identität; auf teils direkte, teils eher vermittelte Weise bleiben eigene Traditionen sichtbar.
Dies ist generell ein Anliegen von Ernst Hesse. Er interessiert sich für das jeweils Eigene, wie er diese auf seinen Reisen vorfindet und im vergangenen Jahr in einem Buch inmitten der Werkabbildungen dokumentiert hat. Er ist den subtilen Zeichen auf der Spur, das sind die Kolam (Zeichen aus Reismehl vor der Hausschwelle) oder die Mudra in Indien (die Handhaltungen im traditionellen indischen rituellen Tanz) ...
Im Werk von Ernst Hesse geht es um gesellschaftliche Fragen, um den verantwortungsvollen Umgang in und mit der Welt. Das künstlerische Medium aber, mit dem er das von Anfang an behandelt hat, ist die Bildhauerei.
Hesse, der an der Düsseldorfer Akademie bei Klaus Rinke studiert und schon da ein Gespür für Prozesse in der Natur und mit der Kultur und für plastische Form entwickelt hat, arbeitet bevorzugt in Gußeisen und Bronze, auch die Gipsformen selbst haben als skulpturale Arbeiten Bestand, werden zum Teil in objekthaften Gestellen zueinander angeordnet. Ernst Hesses plastische Werke kennzeichnet bis heute eine elementare Formensprache, welche Stereometrien subtil versetzt. Evident ist das Interesse an Oberflächen, und beispielsweise verwendet Hesse CorTen-Stahl, der sich in der Natur weiter verändert. Hesse fordert mit seinen plastischen Arbeiten zur Umgehung auf, setzt diese präzise zu Architektur und formuliert, definiert dabei Räume. In den Fotoarbeiten mit Broten hat Ernst Hesse derartige Aspekte auf der Fläche weiter verfolgt, aber er hat auch, einige Zeit nach Einsetzen der Fotoserie, die Brote selbst in Bronze abgegossen. Er hat sie damit realiter der Vergänglichkeit und jeder Zeit, aber auch ihres eigentlichen Zweckes enthoben. Er steigert das Besondere, indem er sie zum Artefakt erhebt. Und er verleiht ihnen Einzigartigkeit und läßt jede Form als Ausdruck bewußter Entscheidungs-, auch Erkenntnisprozesse empfinden. Er weist auf die Fertigung selbst, einerseits die Abformung und den Bronzeguß, andererseits aber auch den anonymen Bäcker in seiner Kultur.
Diese Arbeiten, ob als Bronzen oder Fotoarbeiten, fordern ungeteilte Aufmerksamkeit, sind ebenso lapidar, wie sie größte Konzentration und Inhaltlichkeit in sich vereinen. Als Stilleben handeln die Fotoarbeiten gerade nicht von Vanitas, sondern vom Überleben und dessen stolzer Behauptung. Bei Ernst Hesse stehen sie für den Versuch, immer und immer wieder dem Geheimnis und der Schönheit des Lebens näher zu kommen, formuliert zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Einsamkeit und (Welt-) Gemeinschaft - und aus dem Wissen, wie grandios einfache Dinge sein können, sind.

- valls, levain, cornus, ekmek, kruh, pane, kenyér, mkate ...
